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13.06.2015 19:16

Autorenalltag


F.J.K.: Eben kamen wir beim Abendessen mit einem englischen Ehepaar ins Gespräch, das sofort, als es begriff, dass ich Reiseführer schreibe, die Platte abspielte, das sei doch sicher ein schönes Leben. Deshalb möchte ich mal schildern, wie unser heutiger Tag ablief. Um 8.30 Uhr checkten wir aus unserem Hotel in Hue aus. Der Guide wartete schon und hatte über Nacht die Idee gehabt, uns noch einen "Palast" zu zeigen, der der königlichen Familie gehört hat und jetzt eine Art Museum ist. Deutsche Restauratoren haben dort ganze Arbeit geleistet und überkleisterte Wandgemälde wieder freigelegt. Dann ging es hinaus aus der Stadt auf die N1: viel Verkehr und viele Baustellen. Ich diskutierte mit dem Guide den Nationalpark Bach Ma, dann bogen wir auf die Halbinsel Lang Co ab. In großer Hitze schauten wir ein Hotel am Strand an, keine Informationen, keine Broschüre, also weiter. Mehrere Fotostopps für wahnsinnig interessante Tunneleinfahrten, die Lagune und ähnliches. Schließlich erklommen wir den Wolkenpass, der die Grenze zwischen dem subtropischen und dem tropischen Vietnam darstellt. Oben waren die heftigen Verkaufsbemühungen zweier Souvenirverkäuferinnen abzuwehren, dann zurück in die Ebene und nach Da Nang. Am Strand wieder Fotos,
denn dort lagen die ungewöhnlichen runden Boote, in denen die Fischer zu ihren großen Schiffen paddeln. Zurück ins Auto und hinauf zur mächtigen, gleißend weißen Guanyin-Statue, die über die Stadt Da Nang schaut. Inzwischen war es 13.30 Uhr, und ein wenig Hunger machte sich bemerkbar. Mr. Sam, unser Guide, hatte eine Nudelsuppe aus der Region (Mi Quang) organisert, die wir in einem stillen und angenehmen Restaurant einnahmen.
Danach fuhren wir zum Cham-Museum, in dem sehr bedeutende Funde der Cham-Kultur ausgestellt sind. Leider ist das Museum in einem fürchterlichen Zustand: stickige Luft, die Farbe blättert von den Wänden, die Stücke stehen eng beieinander, sind kaum beschriftet, das Personal interessiert sich nicht die Bohne dafür, was im Museum passiert, auch nicht, dass aus einer asiatischen Gruppe wirklich jeder mit seinen Schweißfingern die 800 Jahre alten Statuen anlangt. Für jede gewonnene Schlacht werden pompöse Museen voller Propaganda gebaut, aber für dieses Kleinod mit wertvollen Kunstschätzen gibt es keinen Dong.
Nach einer kurzen Diskussion mit Mr. Sam darüber, machten wir uns wieder auf den Weg und inspizierten zwei Hotels am China Beach und zwei riesige Läden für Steinobjekte am Fuße der Marble Mountains. Den "Wasserberg" galt es noch zu erklimmen, den Text im Buch mit der Realität zu vergleichen, Notizen zu machen, Fotos für die Neuauflage des Buchs und für den Blog zu schießen.
Und als Autor ist man schon gelegentlich erstaunt: Der geneigte Leser schaue mal in den Trescher-Führer auf die Seite 257, das Bild dort wurde von derselben Stelle aufgenommen wie das hier eingestellte von heute Nachmittag. Unser Hotel in Hoi An erreichten wir um 18.50 Uhr, da war es schon dunkel. Morgen radeln wir hier durch die Felder, das wird sicher ganz so, wie man sich das Leben eines Reiseführer-Autors so vorstellt.


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