Kasachstan

Der Weltraumbahnhof Baikonur
Eine Rakete startet senkrecht in einer kargen Ebene.
Raketenstart vom Weltraumbahnhof Baikonur (© Vera Larina/shutterstock.com)

Für viele ist der Raketenstartplatz Baikonur (kasachisch Baikongyr) die erste und einzige Assoziation, die ihnen einfällt, wenn es um Kasachstan geht. Dabei gehört Baikonur genaugenommen gar nicht richtig zu Kasachstan. Die 6717 Quadratkilometer große Enklave ist russisches Verwaltungsgebiet, das heißt, Russland pachtet dieses Gebiet von Kasachstan.

Die vom Pächter erlassenen Sicherheitsvorschriften sind der Grund, warum nur wenige Touristen den Weg hierher finden. Man kann leider nicht einfach über die Bahnstation Töretam anreisen, die Einreise in die Stadt und auf das Kosmodrom erfordert eine Aufenthaltserlaubnis, die man vier beziehungsweise acht Wochen vor der Reise beantragen muss und nur mit Hilfe weniger autorisierter Reisebüros erhält. Die Erlaubnis ist an die Teilnahme an einer geführten Exkursion gebunden.

Die angepeilte Sehenswürdigkeit ist für die meisten Besucher nicht die Garnisonsstadt Baikonur (früher Leninsk) am Ufer des Syrdarya mit ihren 70 000 Einwohnern, wo man das Museum der Geschichte des Kosmodroms (Muzei istorii kosmodroma Baikonur, ul. Pionerskaya 16), das Gagarin-Denkmal, die Allee der Kosmonauten, eine komplette ausgemusterte Sojus-Rakete und eine Kontinentalrakete gezeigt bekommt.

Das eigentliche Ziel ist das Kosmodrom mit den Startrampen Nr. 1 und 2, nahe der Rampe 1 die bescheidenen Häuschen von Juri Gagarin und dem Raketenkonstrukteur Sergey Korolyov. Die meisten kommen wegen eines Raketenstarts. Der Startplatz, reichlich 30 Kilometer von Baikonur-Stadt entfernt, war Normalsterblichen lange nicht zugänglich. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wurden Technik, eingeweihte Experten und Kosmonauten hierher gebracht. Von den Starts erfuhr man erst dann, wenn die mutigen Männer und Frauen bereits auf der Umlaufbahn waren.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich auch das geändert, heute können Touristen die Starts aus sicherer Entfernung miterleben. Es gibt Veranstalter, die solche Touren anbieten. Das ist relativ teuer, und natürlich muss man sich nach dem Flugplan richten. Mit etwas Glück kann man auch aus Shymkent oder Türkistan den Start einer Kosmosrakete beobachten. Aus 1000 Kilometer Entfernung lässt sich das Ausmaß noch besser erfassen. Die raumgreifende, mystische und völlig lautlose Erscheinung am Himmel hinterlässt einen tiefen Eindruck.

Drei Männer in Kosmonautenanzügen werden vor einer Menge von Fotografen offiziell verabschiedet.
Kosmonauten vor dem Start (© Axel und Balzhan Monse)

Geschichte

1954 begann man mit der Planung des geheimen Startplatzes für den Test sowjetischer Langstreckenraketen. Drei Jahre später, im Oktober 1957, wurde von hier der erste sowjetische Sputnik auf einer Trägerrakete gestartet. Eine originalgetreue Nachbildung kann im Zentralen Staatlichen Museum in Almaty besichtigt werden.

Auch der erste erfolgreiche bemannte Weltraumflug, »Wostok« mit Juri Gagarin, nahm am 12. April 1961 in Baikonur seinen Anfang. Mit Sigmund Jähn flog 1977 der erste (DDR-)Deutsche von hier ins All. Der erste Österreicher, Franz Fiebeck, startete ebenfalls in Baikonur. Begleitet wurde er von Toqtar Aubakirov, dem ersten kasachischen Kosmonauten. Das war 1991, immerhin 30 Jahre nach dem Start des ersten bemannten Raumschiffes von kasachischer Erde. 1995 begann Thomas Reiter seine kosmische Reise in Baikonur, der erste Deutsche, der auf die Raumstation MIR flog.

Am 28. April 2001 ging der erste Kosmostourist, der 61-jährige Amerikaner Dennis Tito, hier auf Reisen. Die Erdumrundung kostete ihn 20 Millionen Dollar. Nach ihm machten sich noch weitere Extremtouristen auf den Weg um den blauen Planeten, obwohl der Preis auf 30 Millionen erhöht wurde. Das Geschäft lief gut.

Es flogen auch wieder vermehrt Raumfahrer auf den von staatlichen Organisationen wie der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA bezahlten Sitzplätzen in den Sojus-Raumschiffen. So reiste der deutsche Raumfahrer Alexander Gerst sogar zweimal (2014 und 2018) von Baikonur zur Internationalen Raumstation ISS.

Ab 2010 sollten sogar Mondumrundungen für 100 Millionen Dollar im Angebot sein. Roskosmos (die Raumfahrtbehörde der Russischen Föderation) verkündete dann jedoch, man wolle bis auf Weiteres keine Touristen mehr in den Weltraum befördern. Eine Ausnahme wurde 2021 für den japanischen Milliardär Yusaku Maezawa gemacht.

Umweltprobleme

Im Juli 2013 kam es beim Start einer Proton-Rakete in Baikonur zu einem Unglück. 17 Sekunden nach dem Start änderte die Trägerrakete mit drei Sputniks an Bord die Richtung, begann in der Luft zu zerfallen, fing Feuer und explodierte am Boden unweit vom Startplatz. Es war nicht das erste Mal, dass eine Rakete beim Start abstürzte, aber dieses Mal waren die Reaktionen der Bevölkerung besonders heftig. Das Maß war voll.

Der hochgiftige Treibstoff Heptil soll zwar angeblich durch die Explosion vollständig verbrannt sein, und der glücklicherweise einsetzende Regen verhinderte eine großflächige Verbreitung der Gaswolke mit dem Wind. Aber die hier lebenden Menschen sind sehr sensibel geworden. Zu hoch ist die Rate von Erkrankungen der Atemwege, der Haut und fast aller inneren Organe, um solche Vorfälle einfach wegwischen zu können.

Es sind auch nicht nur diese ungeplanten Vorkommnisse, die die Kasachstaner verärgern. Seit Jahrzehnten fallen die Raketenstufen nach dem Start »planmäßig« über der Steppe ab und gehen unverglüht zu Boden, hin und wieder auch in der Nähe von Ansiedlungen. Bis in den Altai hinein reicht die Spur der mit dem Raketentreibstoff vergifteten Absturzteile.

Die Steppe ist zwar dünn besiedelt, aber nicht menschenleer. Ärzte konstatieren auch hier erhöhte Häufigkeiten von bestimmten Erkrankungen, immer wieder kommt es zu Protesten. Auch die Wetterumschwünge nach den Starts machen nachdenklich. Viele Bewohner der Regionen östlich von Baikonur berichten von heftigen Stürmen am »Tag danach«.

Die Regierung Kasachstans wandte sich schon mehrfach mit der Bitte an Russland, einen ungefährlicheren Treibstoff einzusetzen. Alternativen wären durchaus vorhanden. In Russland erwog man daraufhin, aus dem Pachtvertrag, der eigentlich bis 2014 laufen sollte, auszusteigen und die eigenen Startplätze Plessezk und Wostotschnyi (seit 2016 in Betrieb) für die Raketenstarts zu nutzen. Die verseuchten Raketenteile würden dann über dem empfindlichen Ökosystem der Tundra niedergehen.

Zukunftspläne

Für Kasachstans Umwelt wäre dieser Rückzug gewiss ein Vorteil gewesen, für die Staatskasse nicht. Immerhin zahlt Russland für das riesige Gelände (85 Kilometer Nord-Süd-Ausdehnung, 125 Kilometer Ost-West-Ausdehnung) pro Jahr 115 Millionen US-Dollar Pacht, der Vertrag läuft bis 2050.

Nach dem Vorfall vom Juli 2013 ist es jedoch nicht auszuschließen, dass Baikonur vorfristig an Kasachstan zurückgegeben wird. Es gibt viele im Land, die sich darauf freuen, nicht zuletzt, um den Ort in eigener Regie und unbürokratischer als jetzt nutzen zu können. Pläne dafür gibt es seit einigen Jahren, es ist die Rede vom Tourismus-Cluster Baikonur. Vorbild ist Cape Canaveral mit drei Millionen Besuchern pro Jahr.

Übrigens weiß Kasachstan sein Kosmodrom inzwischen selbst zu nutzen. Im Juni 2006 wurde der erste in Kasachstan entwickelte geostationäre Satellit ins All geschossen. Im September 2015 folgte mit Aidyn Aiymbetov dann der erste von der jungen Republik Kasachstan ins All entsandte Kosmonaut. Er war damit der dritte ethnische Kasache im All.

2026 soll die neue von Russland entwickelte Sojus-5-Rakete auf der von Kasachstan gebauten Startrampe »Baiterek« abheben. Damit sollte einer Weiternutzung des Kosmodroms – auch in Eigenregie von Kasachstan – nichts im Wege stehen.

Und schließlich wäre auch eine Vermarktung des weltgrößten Kosmodroms an Länder ohne eigenen Startplatz im Satellitenzeitalter eine zukunftsträchtige Einkommensquelle.

Kasachstan 2027 Cover

Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer KASACHSTAN von Dagmar Schreiber.

KASACHSTAN

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8., aktualisierte Auflage 2027
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Im Trescher Verlag sind zahlreiche weitere Reiseführer zu Zielen in ZENTRALASIEN erschienen.