Kosovo

Die Kulla, eine albanische Haus- und Wohnform

Kullas in Junik, Kosovo
Kullas in Junik (© Martin Bock)

Ein typisch albanisches Bauwerk ist die sogenannte Kulla, ein meist wehrhaftes Turmhaus, das insbesondere im Gebirge, wo der Kanun die gesellschaftlichen Regeln beherrschte, als Fluchtturm diente. In diesen Gebäuden konnten Männer, die von der Blutrache bedroht waren, Schutz finden. Kullas sind aber auch mehrstöckige Wohntürme.

Es gab etwa 2000 Kullas in Kosovo, gebaut zwischen etwa 1750 und 1910. Diese Haus- und Wohnform ist so typisch für Kosovo und speziell die Gebäude der Kosovo-Albaner wie keine andere. Besonders viele dieser einzigartigen Bauwerke sind in Kosovos Westen erhalten, etwa in Peja, Junik, Gjakova, Deçan und besonders in dessen Ortsteil Isniq, oft an heutige Lebensverhältnisse angepasst und bewohnt.

Kulla bezeichnet im Albanischen einen Turm, auch einen Fluchtturm, in den sich von der Blutrache bedrohte Männer zurückziehen konnten. Solche Türme gibt es besonders im Gebirge Nordalbaniens. Es sind aber auch, besonders in Kosovo, mehrstöckige Wohntürme, die wohlhabende Familien als regelrechte Festung angelegt und wohl auch gebraucht haben. In der Regel haben die Kullas drei Etagen, starke Mauern, massive Türen oder Tore und ein typisch südländisches, flaches, ziegelgedecktes Walmdach, die Fenster sind relativ klein. In diesen Bauten konnte man sich gegen ganze Gruppen unliebsamer Besucher verteidigen, vor allem wohl auch gegen Angehörige anderer Clans. Den Spruch »My Home is my castle« kennt man von den Engländern, hier ist er wörtlich zu nehmen.

Die Schießscharten in den Wänden mancher Kullas wurden nicht alle zugemauert, wie es ein Erlass der türkischen Regierung Ende des 19.  Jahrhunderts forderte. Im unteren Stockwerk gab es keine Fenster, dies waren Lagerräume. Hier waren die Vorräte untergebracht, manchmal auch Teile des Viehs. Im Obergeschoss befanden sich die oft besonders schönen Herrenzimmer (oda e burrave). Hier trafen sich die männlichen Mitglieder der Familie, hier besprach man, auch mit Gästen und oft am Kaminfeuer, Geschäftliches, Persönliches und Politisches, besonders zum örtlichen Geschehen. Die Seite rechts des Kamins, die »Glücksseite«, war die des Gastes. Bei Familienfesten wie Hochzeiten empfing man hier die Gäste.

Bemühungen um dem Erhalt der Kullas

Die Bauweise der Kullas ist recht unterschiedlich. Viele sind nur zweistöckig, klein und von Bauernhäusern nur bei näherem Hinsehen zu unterscheiden, manche ebenso kompakt, aber regelrechte Trutzburgen, denen man den Charakter als Wohnfestung anmerkt, manche sind sogar vierstöckig, wie etwa die Kulla Osdautaj in Isniq. Einige, besonders die drei- und die wenigen vierstöckigen Kullas, haben den Charakter eines kleinen Herrenhauses oder sehen fast schon aus wie ein orientalisch anmutendes Schloss. Die Fenster des Herrenzimmers sind in einigen Gebäuden über die Fassade in einem Erker vorgezogen, so zum Beispiel bei der Haxhi-Zeka-Kulla in Leshan.

Viele Kullas wurden, als Symbol der albanischen Besiedlung, durch die serbische Armee und Paramilitärs zerstört, besonders in den Jahren 1998/99. In Deçan waren dies 70 von 263 Kullas, weitere 161 wurden beschädigt, viele verfallen heute. In den Jahren 2001 bis 2003 wurden fünf besonders schöne Kullas wiederaufgebaut, finanziert von der Europäischen Agentur für Wiederaufbau und der schwedischen Siftung »Cultural heritage without borders« (CHwB), in Kooperation mit dem Kulturministerium Kosovos. Diese wiederaufgebauten Kullas kann man heute besichtigen, neben der Osdautaj-Kulla in Isniq die Kukleci-Kulla und in Junik die Hoxha-Kulla.

Ein Konak ist mehr ein großzügig angelegter Bauernhof, er hat ein zweistöckiges Hauptgebäude mit eher flachem, weit ausladendem ziegelgedeckten Schrägdach. Das Ethnologische Museum in Prishtinё trägt starke Züge eines Konak.

Cover Reiseführer Kosovo

Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer KOSOVO von Martin Bock.

KOSOVO

Natur und Kultur zwischen Amselfeld und Albanischen Alpen

3., aktualisierte Auflage 2022
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ISBN 978-3-89794-539-5

16,95 €

 

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