Ostseestädte

Schiffegucken am Nord-Ostsee-Kanal

Containerschiff in der Schleuse Kiel-Holtenau
Ein Containerschiff passiert die Schleuse in Kiel-Holtenau (© Ralf Gosch/shutterstock.com)

Blickt man von der Kieler Fußgängerzone durch eine Seitenstraße Richtung Meer, ragen am Ende der Straße immer wieder mächtige Passagierfähren hervor, die aus Norwegen und Schweden kommen – hier reicht die Ostsee bis ins Herz der Stadt. Kiel lebt am Wasser und vom Wasser: vom wachsenden Kreuzfahrtgeschäft, von den Werften, die den neuesten Stand der Schiffstechnik in alle Welt liefern. Am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften forscht man zu Themen wie »Marine-Ökologie« und »Dynamik des Ozeanbodens«. Die Kieler Woche ist die weltweit größte Segelveranstaltung und mit mehr als drei Millionen Besuchern eines der größten Sommerfeste Europas. Und mit dem Nord-Ostsee-Kanal mündet die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt in die Kieler Förde.

Einen Kanal gab es schon im späten 18. Jahrhundert, erbaut vom dänischen König Christian VII., dem damaligen Landesherren. Mit der Gründung des Deutschen Reiches wurde die Idee dann wieder relevant, für die eigene Marine, die gerade im Aufbau war. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts forcierte Otto von Bismarck den Kanalbau. 80 Millionen Kubikmeter Erdreich wurden bewegt, etwa 9000 Arbeiter waren an dem Aushub der 100 Kilometer langen und neun Meter tiefen Rinne beteiligt. Nach acht Jahren Bauzeit taufte 1895 Kaiser Wilhelm II. den Mammutbau auf seinen Namen. 156 Millionen Goldmark, in heutiger Währung etwa 1,5 Milliarden Euro, hatte der Wasserweg mit aufwendigen Schleusen und Brücken gekostet. Dem Volk sicherte eine kaiserliche Verordnung die kostenlose Querung des Kanals zu – bis heute verkehren 14 Gratisfähren für Fußgänger, Radfahrer und Kraftfahrzeuge. Die an zwölf Seilen hängende Schwebefähre unter der Rendsburger Bahnbrücke – ein illustres Industriedenkmal – musste nach der Kollision mit einem Frachtschiff im Jahr 2016 neu gebaut werden. Seit März 2022 pendelt die neue Fähre zuverlässig über den Kanal.

Der zivile Nutzen des Prestigeprojekts war erheblich größer als der militärische, das strategische Interesse erlahmte. Ab 1948 war der Nord-Ostsee-Kanal nur Ausgabeposten der Bundeskasse, erst als der Ost-West-Handel in den 1970er und 1980er Jahren an Fahrt gewann, wurden einige Anlagen saniert, doch der Fall der Mauer beendete den Geldfluss aus der Staatskasse jäh. Bis heute gilt das Ertragspotenzial als begrenzt, weil die Schiffe nur eine Fahrt um Dänemark sparen – nicht um einen ganzen Kontinent wie mit den Wasserstraßen in Panama oder Sues.

Doch die Verkehrsstatistik zeigt wirtschaftliche Perspektiven auf: Das Ostseegeschäft boomt, etwa 25.247 Schiffe passierten 2020 den Kanal. Seit 2015 gelten schärfere Abgasvorschriften in der Schifffahrt, was den kurzen Schiffsweg attraktiv macht, der die Strecke um Dänemark durch Skagerrak und Kattegat – bis zu 900 Kilometer – erspart.

Touristisch hat der Kiel-Kanal Besuchern einiges zu bieten. Viele Kreuzfahrer wählen eine Reise wegen der Route durch den Kanal, um das Schauspiel des Schleusenvorgangs und die spektakulären Brücken und Fähren zu erleben. Sonntags versammeln sich am Ufer viele zum Große-Pötte-Gucken: Traumschiffe, Container-Riesen, Tanker – bei durchschnittlich 78 Schiffen täglich wird es nie langweilig. Bester Aussichtspunkt sind die Brückenterrassen, auf denen professionelle Begrüßungskapitäne die Riesenkreuzer willkommen heißen. Und am ersten Samstag im September in der Dämmerung werden am Nord-Ostsee-Kanal stimmungsvolle Lichterfeste gefeiert.

Cover Reiseführer Ostseestädte

Dieser Text stammt aus dem Trescher-Reiseführer OSTSEESTÄDTE von Beate Kirchner, Jonny Rieder und Renate Wolf.

OSTSEESTÄDTE

Kiel, Lübeck, Rostock, Gdańsk, Kaliningrad, Klaipėda, Rīga, Tallinn, St. Petersburg, Helsinki, Stockholm, Visby auf Gotland, Rønne auf Bornholm, Kopenhagen – Plus Oslo

8. Auflage 2022
436 Seiten
ISBN 978-3-89794-586-9
18,95 €

 

Im Trescher Verlag sind zahlreiche weitere Reiseführer zu KREUZFAHRTEN UND FLUSSKREUZFARHTEN erschienen.

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