Baltikum

Die autonome Republik Užupis
Innenhof mit Kopfsteinpflaster, Backsteinwänden und einer offenen roten Tür. Draußen stehen eine abstrakte Frauenstatue, ein altes Klavier, verschiedene Kunstobjekte.
Der Užupis Art Incubator: Infozentrum und Treffpunkt der kreativen Szene (© Volker Hagemann)

Užupis ist ein Zentrum der Alternativkultur in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Der Bezirk hat sich sogar, halb im Ernst, halb zum Spaß, zu einer selbständigen Republik erklärt – und wurde so bekannt, dass mittlerweile auch Touristenmassen und Gentrifizierung ihre Spuren hinterlassen.

Užupis war im 15. Jahrhundert der erste Vorort von Vilnius. Damals entstand unter anderem ein langes, auf einer Seite fensterloses Haus der Benediktinerinnen, das heute noch in der Malūnų gatvė 3 zu sehen ist. Ab dem 16. Jahrhundert siedelten sich am Ufer Handwerker an, die das schnell fließende Flüsschen zur Energiegewinnung oder Papierherstellung nutzten. Die Vilnia überschwemmte regelmäßig den Vorort, der ab dem 18. Jahrhundert verwahrloste – Kleinkriminalität, Prostitution und Armut prägten das Bild. 1794 brannten die Holzhäuser ab, nach und nach entstand die heute noch sichtbare Bebauung.

Ab dem frühen 20. Jahrhundert entdeckten Künstler den Bezirk als Rückzugsgebiet; auch in sowjetischen Zeiten prägte die kreative Bohème Užupis. In einigen Hinterhöfen, etwa in der Užupio gatvė neben dem Café Užupio Kavinė, werden bis heute alternative Lebenskonzepte verwirklicht.

Theotokos-Kathedrale

Von der Annenkirche aus liegt auf dem Weg nach Užupis die wichtigste russisch-orthodoxe Kirche von Vilnius, die riesige weiße Theotokos-Kathedrale mit ihrer charakteristischen roten polygonalen Kuppel. Die erste Fassung entstand 1346/48, als Litauen noch heidnisch war, und entwickelte sich zu einem Zentrum der ersten Christen der Stadt. Nach einem Brand 1748 diente sie unterschiedlichsten Zwecken.

1808 erwarb die Universität das Gebäude, die es 1822 neoklassizistisch umbauen ließ; im Inneren richtete man ein anatomisches Theater und eine Bibliothek ein. Im Zuge der Russifizierung wurde die Kathedrale von 1865 bis 1868 komplett umgestaltet – in einem Stil, der sich an georgischer Sakralarchitektur des Mittelalters orientiert. Innen beeindruckt eine fünfstöckige Ikonostase.

Užupio Kavinė

Hinter der Theotokos-Kirche führt eine Brücke über die Vilnia nach Užupis; eine Art Ortsschild markiert den Beginn der Republik. Im Häuschen rechts hinter der Brücke kann man sich ein Visum in den Reisepass stempeln lassen; es gibt auch erste Souvenirs und Literatur.

Gegenüber liegt die Užupio Kavinė mit ihrer großen, zur Vilnia ausgerichteten Terrasse. Das Etablissement ist zugleich das »Parlament« der Republik, die sich am 1. April 1997 für unabhängig erklärt hat. Die Staatsgründung geht auf eine Spaßguerilla zurück, die sich nach der Aufstellung des Zappa-Denkmals in der Kalinausko gatvė zusammengefunden hatte. An jedem 1. April wird die Unabhängigkeit mit einem Karneval gefeiert.

Užupis Art Incubator

Im Hof neben der Užupio Kavinė findet man den Užupis Art Incubator, eine Mischung aus Informationszentrum, Galerie und Shop, zugleich Treffpunkt einiger Initiativen des Viertels. Eine kleine Ausstellung widmet sich Geschichte und Ideen von Užupis (tgl. 10–18 Uhr). Die Wände des Geländes ziert sehenswerte Graffiti, am Ufer der Vilnia setzt sich die Open-Air-Galerie bis zur Kunstakademie fort. Beliebt ist die unter der Brücke angebrachte Schaukel, zu der man durch das Flüsschen waten muss, und die am gegenüberliegenden Ufer zu sehende Skulptur einer Meerjungfrau.

Vom Art Incubator zur Sankt-Bartolomäus-Kirche

Wer vom Art Incubator aus die Straße hochläuft, kommt an kleinen Geschäften vorbei, in denen sich Kunsthandwerk und Mode mit allerlei Touristensouvenirs mischen. Die Kreuzung Užupio und Paupio gatvė ist der zentrale Ort des rund 7000 Einwohner zählenden Viertels; dort thront ein Engel auf einer Säule. Viele alteingesessene Künstler meinen, dass mit diesem Monument die Vermarktung begann und seitdem vieles nicht mehr so ist wie vorher. In der Paupio gatvė 2 hat sich eine Keramikwerkstatt auf historische Rekonstruktionen spezialisiert; Werkstatt und Verkaufsraum sind frei zugänglich, dreimal wöchentlich werden nach Voranmeldung Workshops angeboten.

Gegenüber präsentiert die Republik auf glänzenden Metalltafeln in zahlreichen Sprachen ihre Verfassung, deren erster Artikel lautet: »Jeder hat das Recht, an der Vilnia zu leben, und die Vilnia hat das Recht, an jedem vorbeizufließen.« Andere Artikel gestatten jedem, glücklich oder unglücklich zu sein. Verfassungsrechtlich garantiert ist auch, dass Hunde das Recht haben, Hunde zu sein.

Wer die Užupio gatvė weiter hinaufläuft, passiert weitere interessante Läden und Galerien. Rechter Hand steht an der Stelle eines ehemaligen Bernhardinerklosters die Sankt-Bartolomäus-Kirche, heute die Kirche der katholischen weißrussischen Gemeinde. Zu Sowjetzeiten diente die kleinste Kirche der Stadt als Bildhauerwerkstatt. Gegenüber finden sich in renovierten Gebäuden weitere Läden und Galerien; hier führt auch die Jonas-Mekas-Treppe wieder hinunter in die Stadt.

Litauisches Kunstzentrum Tartle

Wer stattdessen von der Sankt-Bartolomäus-Kirche die Užupio gatvė bergauf läuft und sich links hält (Krivių gatvė), kommt an Restaurants und Cafés mit teils schönem Stadtblick vorbei. Weiter oben wandelt sich die Szenerie zum Wohngebiet. Sehenswert ist das Litauische Kunstzentrum Tartle mit seiner Sammlung litauischer Kunst von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart und einer Terrasse mit grandioser Aussicht (Anmeldung nötig, www.tartle.lt).

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Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer BALTIKUM von Volker Hagemann.

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