Burgund
Wenn Esel Harfe spielen – romanische Bauplastik im Burgund

Die Kapitelle in der Krypta von Saint-Patrice in Saint-Parize-le-Châtel zeugen vom Witz ihrer Schöpfer (© Peggy Leiverkus)
Das Markenzeichen der romanischen Kirchen Burgunds ist neben ihrer Architektur die fantasievolle Bauplastik – sichtbar an Wasserspeiern, Kapitellen und vor allem an den Portalen, die zu den Höhepunkten der europäischen Kunstgeschichte zählen.
In der Frühromanik, etwa zwischen 1020 und 1090, zeigen sich erste Versuche figürlicher Darstellung. Die Figuren wirken noch roh und in der Perspektive kaum ausgearbeitet – ein Beispiel ist die Kirche Saint-Philibert in Tournus. Doch bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts übernimmt Burgund – gemeinsam mit dem Languedoc – eine führende Rolle bei der Entwicklung des Kirchenportals als zentralem Bildträger.
Typisch wird nun das sogenannte Stufenportal: ein dreidimensional ins Mauerwerk eingelassenes Portal mit mehrfach gestaffelten Rücksprüngen, deren Innenkanten kleine Säulen schmücken. Darüber liegt meist ein halbrundes Tympanon mit einer Darstellung Christi, häufig umgeben von einer Mandorla. Die Themen dieser Tympana variieren: Zu sehen sind das Weltgericht – etwa in Autun oder Mâcon, Christus in Majestät, flankiert von Engeln oder den Symbolen der Evangelisten, wie in Anzy-le-Duc, oder auch die Himmelfahrt, dargestellt in La Charité-sur-Loire oder Montceau-l’Étoile.
Den Höhepunkt der burgundischen Skulptur markieren die Werke an der Kathedrale von Autun, die dem Bildhauer Gislebertus zugeschrieben werden. Besonders die Darstellung des Weltgerichts im Tympanon ist eindrucksvoll: Die Szenen sind gefühlsbetont, auch witzig, die Figuren unnatürlich langgezogen und dürr. Diese Arbeiten entstanden zwischen 1120 und 1135 – in der Blütezeit der burgundischen Romanik. In dieser Phase wachsen die Portale, das Bildprogramm wird komplexer, die Figuren wirken plastischer.
In der Spätromanik (etwa 1130–1160) lösen sich die Skulpturen zunehmend vom Hintergrund, bleiben aber in die Architektur eingebunden. Die Gewänder der Figuren werden kunstvoller, die Körper erscheinen bewegt, fast dramatisch – wie etwa in Saint-Julien-de-Jonzy. Doch ab der Mitte des 12. Jahrhunderts endet diese Entwicklung und ist sogar rückläufig: Die Figuren verlieren an Ausdruckskraft, das plastische Volumen nimmt ab.
Kirchentour im Brionnais
Südlich an das bergige Charolais schließt sich eine etwas lieblichere Landschaft an, die sanft zur Loire hin abfällt: das Brionnais. Menschenleer und verschlafen, ist es ein Underdog des burgundischen Tourismus – doch birgt es einige der schönsten Kunstschätze der gesamten Region.
Dort, im tiefen Süden des Burgund, gibt es eine erstaunliche Dichte an romanischen Kirchen, deren meisterhaft gearbeitete Bauplastiken mit ihren teils skurrilen und drolligen Figuren und Szenen selbst eingefleischte Kirchenmuffel zum Schmunzeln bringen. Hier und bei allen romanischen Kirchen gilt: den Blick nach oben richten! Die Kapitelle einer Kirche folgen oft einem zusammenhängenden Bildprogramm wie etwa dem Kampf zwischen Gut und Böse, der sich in biblischen und mythischen Szenen zeigt.
Dargestellt sind Menschen, Tiere, aber auch skurrile Fabelwesen, die den Betrachter angrinsen oder miteinander interagieren. In vielen dieser Gestalten erkennt man Vorbilder für stilisierte Figuren der Moderne, etwa in Comics. Das Beste aber ist der Humor in diesen Szenen, der das »dunkle« Mittelalter gar nicht mehr so dunkel erscheinen lässt: zum Beispiel das höhnische Teufelchen in Bois-Sainte-Marie, das einem wegkriechenden Mann mit einer Zahnzange zu Leibe rückt, oder – in der Nièvre – der Harfe spielende Esel in Saint-Patrice-le-Châtel.
Im 11. und 12. Jahrhundert führte die Nähe Clunys im Brionnais zu einer regen sakralen Bautätigkeit. Dutzende romanische Kirchen mit meisterhafter künstlerischer Ausgestaltung – die meisten davon heute völlig unbekannt – entstanden fernab der wichtigen Verkehrswege. Die Rundtour Les Chemins du Roman führt zu etwa 30 dieser kleinen Kirchen, in denen Beschreibungen auch auf Deutsch ausliegen. Das Faltblatt Les chemins du Roman gibt es ebenfalls in allen Kirchen und in den Tourismusbüros. Tourenvorschläge gibt es online.
Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer BURGUND von Peggy Leiverkus.
BURGUND
Dijon, Beaune, Cluny, Côte d’Or, Morvan
Mit vielen Tipps für Wanderungen und Radtouren
1. Auflage 2026
352 Seiten
ISBN 978-3-89794-810-5
19,95 €
Im Trescher Verlag sind weitere Reiseführer zu Zielen in FRANKREICH erschienen.







