Elsass und Lothringen

Der Rhein-Marne-Kanal
Schiffe fahren auf einem Kanal, umgeben von herbstlich gefärbten Hügeln.
Auf dem Rhein-Marne-Kanal schippert es sich gemütlich durch die Vogesen (© Leonid Andronov/shutterstock.com)

Mit dem Hausboot quer durch das Elsass und Lothringen? Kein Problem dank mehr als 150 Schleusen, mehrerer Tunnel sowie eines Schiffshebewerks, das Boote und Kähne auf dem Weg von Strasbourg nach Paris in die Vogesen hebt. Eine Brücke hilft den Bootsführern zudem, bei Liverdun die Mosel zu queren. Es gibt keine schönere Kanalstrecke als den Rhein-Marne-Kanal, schwören viele Freizeitkapitäne.

Schon im 18. Jahrhundert liebäugelte König Ludwig XVI. mit einer Schiffsverbindung von Paris an den Rhein, weshalb er die Idee von einem Baumeister prüfen ließ. Aber erst im frühen 19. Jahrhundert, als man fest überzeugt war, mit einem Kanal zwischen Rhein und Seine auch die Wirtschaft anzukurbeln, gab es grünes Licht für das Projekt. 45 Millionen Francs stellte man zur Verfügung.

Doch schon bald nach Baubeginn war klar, dass die Strecke mindestens doppelt so teuer werden würde. Zudem war mit der Eisenbahn eine Transportalternative erwachsen. Einige Politiker plädierten deshalb dafür, die ausgehobenen Gräben für den Schiffskanal wieder zuzuschütten und auf der gleichen Strecke Schienen zu verlegen. Zwei Jahre ruhte der Bau des Kanals, bevor er 1853 schließlich fertig wurde.

Seitdem wurde die Strecke immer wieder erneuert, umgeleitet oder durch neue Abschnitte ersetzt, die den ursprünglich 315 Kilometer langen Kanal um über 20 Kilometer schrumpfen ließen. So wurde im Zug des Ausbaus der Mosel 1979 der Kanalabschnitt im Moseltal geschlossen und durch die kanalisierte Mosel ersetzt. Wesentliche Streckenkürzungen brachte 1969 auch das neue Schiffshebewerk bei Arzviller, das allerdings schon bei seiner Eröffnung wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll war.

Total schräg – ein Lift für Schiffe

Dafür ist der Schrägaufzug von Saint-Louis-Arzviller heute eine der größten Touristenattraktionen in Lothringen: ein technisches Wunderwerk, das 17 Schleusen ersetzte und die Fahrt auf dem Rhein-Marne-Kanal von Strasbourg nach Nancy um einen ganzen Tag verkürzte. Entworfen hatte den Schiffsaufzug Robert Vadot, der auch für die Moselkanalisierung in Frankreich verantwortlich war. Fast 40 verschiedene Vorschläge hatten Tüftler aus aller Welt damals eingereicht, um die Vogesen sinnvoll zu überwinden. Am Ende entschied man sich für ein Hebewerk, das einzige in Europa in Querbauweise.

Heute kann die Besatzung in Frankreichs einzigem Schiffshebewerk die paar Lastkähne, die noch immer unterwegs sind, an einer Hand abzählen. Dafür schleust sie inzwischen mehr als 8000 Sport- und Hausboote jährlich durch die Anlage. Im Sommer kann es daher Wartezeiten von mehreren Stunden geben.

Dass der Rhein-Marne-Kanal heutzutage eine Touristenattraktion ist, liegt an den vielen Haus- und Motorbooten, mit denen im Sommer viele Hundert Freizeitkapitäne täglich unterwegs sind. Die Bootsverleiher freuen sich über die steigende Nachfrage, schließlich braucht man für die Touren in der Regel keinen Führerschein.

Wegen seiner Enge und den vielen Schleusen hat der Rhein-Marne-Kanal für den Gütertransport kaum noch Bedeutung. Passieren können ihn nur sogenannte Pénichen: kastenförmige Kähne mit maximal 38,50 Meter Länge, gut 5 Meter Breite und einem maximalen Tiefgang von 2,50 Meter. 250 Tonnen dürfen sie in Frankreich transportieren, was etwa sieben LKW-Ladungen entspricht.

Die Pénichen waren einmal reine Schleppschiffe, die von Pferden am Ufer gezogen wurden. Die einstigen Treidelpfade sind vor allem in der Rheinebene inzwischen beliebte und viel frequentierte Radwege.

Ab 1930 aber hatten die Rösser ausgedient, wurde elektrisch getreidelt. Jetzt zogen stromgetriebene Maschinen oder kleine Lokomotiven die Lastkähne. Es war der Beginn der Treidelbahnen, die auf Schienen am Ufer entlang verkehrten und maximal fünf Schiffe zogen. Aber auch dieser Betrieb wurde mangels Rentabilität im Lauf der 1970er Jahre aufgegeben.

Schleusen will gelernt sein

Fand früher an jeder Schleuse ein Wärter Arbeit, werden die meisten Schleusen inzwischen elektronisch gesteuert oder von den Schiffsbesatzungen mit der Hand. Das ist manchmal nicht ganz einfach. Einige Schleusen wie etwa im Zentrum von Saverne sind darum heute zu Touristenmagneten geworden. Hin und wieder applaudieren Beobachter am Kanalufer den Freizeitkapitänen sogar bei besonders gelungenen Manövern.

Zu den interessantesten Abschnitten des Rhein-Marne-Kanals zählen der fast einen Kilometer lange Tunnel von Foug und der eine halbe Autostunde weiter westwärts gelegene Schiffstunnel bei Mauvages im Département Meuse. Bis 2011 wurden die Schiffe dort von einem elektrisch betriebenen Kettenschlepper mit 2,5 km/h durch den knapp 5 Kilometer langen Tunnel gezogen. Jetzt queren ihn die Boote im Konvoi mit eigener Motorkraft. Als Aufseher fungiert ein Bediensteter der Staatlichen Wasserstraßenverwaltung (Voies navigables de France), der auf dem auch im Tunnel angelegten Treidelpfad neben den Schiffen herradelt. Fast noch schöner sind die beiden Tunnel im östlichen Kanalabschnitt bei Niderviller und Arzviller, die im Rahmen einer Einbahnregelung heute selbstständig durchfahren werden können.

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Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer ELSASS UND LOTHRINGEN von Günter Schenk.

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