Marokko

Djemma el-Fna – Marrakeschs Gauklermarkt
Viele Menschen tummeln sich abends auf einem großen Platz mit Marktständen in Marrakesch
Der Djemma el-Fna – seit jeher Treffpunkt der Einwohner Marrakeschs (© Chantal de Bruijne/shutterstock.com)

Wenige Schritte sind es vom Wahrzeichen Marrakeschs, der Koutoubia-Moschee, zum Djemma el-Fna, wo sich jeden Abend die halbe Stadt einfindet, um zu essen und sich unterhalten zu lassen. »Versammlung der Toten«, so lautet die wörtliche Übersetzung des Namens für den legendären Gauklermarkt. 

Schon zur Zeit der Almohaden wurde der Platz zum Treffpunkt der Mrakschi, und so wurden hier auch Hinrichtungen öffentlich vollzogen und die abgeschlagenen Köpfe zur Abschreckung ausgestellt. Aber darüber hinaus tätigten Kaufleute auf dem Platz ihre Geschäfte, Ärzte behandelten ihre Patienten, und Beduinen verkauften ihre Kamele. Später war hier der Busbahnhof der Stadt, Schauplatz in Alfred Hitchcocks Film Der Mann, der zuviel wusste.

Tagsüber ist auf dem Platz recht wenig los, die Mrakschi sind bei der Arbeit. Daher ist das Unterhaltungsprogramm dann eher auf die Touristen abgestimmt: das schrille Tröten der Schlangenbeschwörer, Frauen, die Hände mit Henna bemalen wollen, vereinzelte Gnaoua-Tänzer und bunt gekleidete Wasserverkäufer.

Aber auch ein für die Einheimischen wichtiges Gewerbe ist nur tagsüber zu finden: die Schreiber. Würdige Weißbärte, die, unter einem Sonnenschirm auf dem Boden sitzend, auf Kundschaft warten, um Briefe vorzulesen und gegebenenfalls eine Antwort zu verfassen. Frisch gepresster Orangen- oder Mandarinensaft und Trockenfrüchte werden ebenfalls schon am Tage an Ständen verkauft.

Eine Kobra liegt in Marrakesch auf dem Straßenpflaster und hat ihren Kopf aufgerichtet.
Auf dem Djemma el-Fna zeigen auch Schlangenbeschwörer ihr Können (© DorSteffen/shutterstock.com)

Abendliches Spektakel

Gegen 17 Uhr beginnt sich der Djemma el-Fna zusehends zu beleben. Wie auf Kommando kommen die Garküchenbetreiber und fangen in Windeseile an, aufzubauen und die Feuerstellen anzuwerfen. Die ersten, die etwas zu essen anzubieten haben, sind die Schneckensuppen-Stände.

Wenn die Dämmerung über Marrakesch hereinbricht, verwandelt sich der Platz in ein fulminantes Spektakel. Gaukler, Märchenerzähler, Akrobaten, Feuerschlucker, Fakire gesellen sich zu den Schlangenbeschwörern, Berberaffen-Dresseuren und Wahrsagerinnen.

Außerdem kann man an über 100 Ständen Gegrilltes, Gebratenes und Gesottenes speisen. Regelmäßige Lebensmittelkontrollen sorgen dafür, dass man unbeschwert typisch marokkanisch essen kann: von Fisch bis zu Schafhirn, von Couscous über Tajines zu türkischem Honig. Es herrscht eine unglaubliche Stimmung, die an 365 Tagen im Jahr den Zauber des Orients verströmt.

2011 wurde der Djemma el-Fna als erster Ort in die neu geschaffene UNESCO-Liste des Immateriellen Welterbes aufgenommen, um diesen Zauber auch künftigen Generationen zu erhalten. Maßgeblich an dieser Aufnahme beteiligt war der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo, der von 1976 bis 2017 in der Stadt lebte. Er schrieb in Engel und Paria über den Platz: »Agora, Theater, Sammelpunkt: offener und pluraler Raum, Weideland der Ideen« und sagte, er habe hier »das großartige Geschenk des Wortes« erhalten.

Auf zu den Souks!

Vom Platz aus führen zwei Hauptwege in die Souks: die Rue Mouassine links vom Café Argana sowie die Rue Semmarine, die direkt gegenüber vom Café de France abgeht. Am westlichen Rand der Souks öffnet sich die Place Bab Ftouh, wo viele Männer an Karren lehnen und ihre Dienste als Transporteure anbieten, denn Autos oder gar LKW können in das Gewirr der engen Gassen der größten Medina des Maghreb nicht fahren. Allerdings knattern stetig Mopeds durch und warnen mit nervtötendem Hupen die Passanten vor ihrem Herannahen.

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