Namibia
Banksy der Wüste

Ein Lone Man in der Namib-Wüste (© Fabian von Poser)
An einem Ort in der Namib, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist, steht ein Gerippe aus Stein und Stahl. Es zeigt einen Mann, der ins Nirgendwo zu rennen scheint. Die Steine sind braun wie die Erde, das Metall ist verwittert. Am Fuß hängt eine Plakette mit der Nummer fünf und der Aufschrift »Genug vom Herumlungern. Ich muss in Bewegung kommen«. Nur selten kommt hier ein Auto vorbei, oft tagelang gar keines, und genau diese Abgeschiedenheit macht den Ort so geheimnisvoll.
Nördlich des Hoarusib-Trockenflusses erstreckt sich eine karge, fast vegetationslose Mondlandschaft ohne Bäume oder Gras. Wer die lange Reise aus Windhoek antritt, der gelangt in ein riesiges Freilichtmuseum. Die Figur steht auf einer Anhöhe, der Blick reicht bis zum Atlantik, nachts funkeln die Sterne wie Strasssteine am Himmel. Die Skulpturen fügen sich so gut in die Landschaft ein, dass man sie oft erst spät erkennt. Ihre genaue Zahl bleibt ungewiss.
Das Kaokoveld zählt zu den einsamsten Regionen Namibias und wird oft als »Wilder Westen« bezeichnet. Bekannt ist es für spektakuläre Landschaften, seine Wüstenelefanten, Wüstenlöwen und Wüstennashörner. Inzwischen zieht aber auch diese ungewöhnliche Kunstform zunehmend Besucher an. Für viele Reisende ist es mittlerweile eine Art Schatzsuche geworden, die Lone Men aufzuspüren.
Die Figuren, die sich seit einigen Jahren in dieser einsamen Region finden, sind etwas kleiner als menschengroß und wirken geschlechtslos. Sie laufen, sitzen am Lagerfeuer oder hängen an Felsen. Jede trägt eine nummerierte Metallplakette mit einer Botschaft. Der Künstler nutzt Steine, die wie Körperteile wirken, und verbindet sie mit Draht zu stillen, ausdrucksstarken Gestalten.
Aus der Namib nach Venedig
Erste Sichtungen gab es bereits 2014, seither sind immer wieder neue hinzugekommen. Die Nummern reichen bis über 40, tatsächlich existieren wohl etwas mehr als zwei Dutzend Figuren. Ihr Verbreitungsgebiet ist groß und erstreckt sich von Purros über Orupembe bis zum Van Zyl’s Pass und zur Skelettküste.
Die Skulpturen haben mittlerweile auch internationale Aufmerksamkeit erlangt und wurden 2022 auf der Biennale in Venedig gezeigt. Der Kurator Marco Furio Ferrario interpretierte sie als Symbol für Menschheit, Begegnung und die Frage nach dem Platz des Menschen in der Natur. Einige Figuren wurden dafür sogar aus der Wüste nach Europa gebracht. Doch in Namibia regte sich Kritik: Ein einzelner, bislang unbekannter Künstler mit dem Pseudonym RENN repräsentiere das Land, während bekanntere Künstler übergangen wurden. Bis heute ist unklar, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Auch deshalb bleiben die Lone Men ein Rätsel – weit verstreut in der Weite der Namib-Wüste.
Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer NAMIBIA von Fabian von Poser.
NAMIBIA
Reisen ins wilde Herz Afrikas: Naturparadiese und Kulturgeschichte
Mit Windhoek, Swakopmund, Lüderitz, Etosha, Kalahari, Namib und Sossusvlei
1. Auflage 2026
420 Seiten
ISBN 978-3-89794-816-7
24,95 €
Im Trescher Verlag sind weitere Reiseführer zu Zielen im NAHEN OSTEN und in AFRIKA erschienen.





