Usbekistan
Orientalische Baukunst in Vollendung –der Registan in Samarkand

Beim Folklorefestival »Melodien des Orients« auf dem Registan in Samarkand (© Irina und Bodo Thöns)
Eine Stadtbesichtigung startet meistens am zentralen und schönsten Platz von Samarkand, am Registan (usb. Registon). Er ist die wohl bekannteste und meistfotografierte Sehenswürdigkeit Usbekistans. In der Übersetzung bedeutet das Wort »Registan« einfach »Sandplatz« und findet auch für Plätze in anderen Städten Anwendung, obwohl die erste Assoziation eigentlich immer Samarkand heißt.
Hier befand sich der zentrale Basar. Auf dem Platz wurden Waren und Informationen getauscht, sowohl Erlasse und Urteile verkündet als auch Karawanen begrüßt und verabschiedet. Von einer Aussichtsempore hat man einen Blick auf das majestätische Dreigestirn der reich verzierten Koranschulen mit ihren Kuppeln und Minaretten. Der britische Staatsmann und Vizekönig Indiens, George Curzon (1859–1925), brachte es auf den Punkt, indem er die Einzigartigkeit des Registans mit dem Vergleich pries, dass es in ganz Europa keinen Platz gegeben habe und gebe, der auf drei seiner vier Seiten von gotischen Kathedralen umgeben ist.
Ulug’bek-Medrese
Auf der linken Seite befindet sich die Ulug’bek-Medrese, wo auch die zentrale Kasse für den Registan ist. Amir Timurs Enkel Ulug’bek ließ sie zwischen 1417 und 1420 errichten. Seit 1409 auf dem Thron, betrachtete dieser die Förderung von Wissenschaft und Kultur als wichtigste Aufgabe seiner Regentschaft und ließ neben dieser Koranschule noch zwei weitere in den damals wichtigsten Städten seines Imperiums, Buchara und G’ijduvon, errichten.
In ihrer Ausstattung bleiben diese beiden jedoch hinter der hauptstädtischen Pracht zurück. Ulug’bek selbst soll das Fach Astronomie unterrichtet haben. Das unter seiner Regie erbaute Observatorium im Nordosten der Stadt galt als Filiale der Medrese. Im 35 Meter hohen Eingangsportal der Medrese ließ er sein Lieblingsfach durch azurblaue Sterne verewigen. Im Innenhof haben sich einige Kunsthandwerker niedergelassen. Eine kleine Ausstellung erzählt vom Leben Ulug’beks und seinen Leistungen als Astronom.
Die Minarette sind 33 Meter hoch. Mit den Jahren gerieten sie in eine erhebliche Schieflage. 1932 wurden sie in einer spektakulären Seil- und Betonaktion wieder in die Vertikale zurückgeführt. Das Besteigen des rechten Minaretts war lange Zeit nur nach vertraulichen Verhandlungen mit den Ordnungshütern und gegen Bakschisch möglich. Jetzt taucht es als Extraposten in der Preisliste auf und kann problemlos erklommen werden. Ganz oben schaut man dann aber wirklich nur mit dem Oberkörper aus dem Dach des Minaretts.
Sherdor-Medrese
Auf der rechten Seite steht die Sherdor-Medrese. Diese neue Koranschule wurde etwa 200 Jahre später erbaut. Als Bauherr gilt Yalangto’sh Bahodir (1576–1656), dem Samarkand auch die benachbarte Tillakori-Medrese zu verdanken hat und der somit das Gesamtkunstwerk Registan begründete. Er war Statthalter des Emirs von Buchara, denn zwischenzeitlich war die Ära der Timuriden Geschichte und Samarkand nur noch eine Provinz im Emirat Buchara. Man ließ die zu Ulug’beks Zeiten an dieser Stelle erbaute Pilgerherberge abtragen und errichtete zwischen 1619 und 1636 dieses neue Meisterwerk. Es folgte dem typischen Augenbrauen-Prinzip für einander gegenüberstehende Bauwerke. Zwischenzeitlich war der Platz aber höher, so dass die neue Medrese etwas kleiner wirkt. In Relation zu ihrem Gegenüber steht sie heute auf einer Stufe etwas höher.
Die Koranschule erhielt den Namen Sherdor, was sich mit »Löwenhaus« übersetzen lässt. Auf dem Portal sieht man unter einer Sonne mit menschlichem Antlitz tigerartige Löwen (oder löwenartige Tiger). In der ganzen Verzierung dominiert die Motivik des Sonnenrads in der hinduistisch-buddhistischen Tradition, das durch die Nazis später für ihre Hakenkreuze umfunktioniert wurde. Weder die figürliche Darstellung noch die einem anderen Kulturkreis entlehnten Muster passen zu seiner Koranschule, so dass dieser originelle Mix ein Rätsel bleibt.
Im Innenhof sind mehrere der alten Zellen heute durch Kunsthandwerker und Souvenirhändler belegt. Abends werden im Innenhof manchmal Folkloreshows organisiert.
Tillakori-Medrese
Die jüngste der drei Medresen am Registan ist die Tillakori-Medrese in der Mitte, was sich mit »die Goldgeschmückte« übersetzen lässt. Die Bauzeit dauerte von 1647 bis 1660. Während man 200 Jahren früher nur 4 Jahre für den Bau der Ulug’bek-Medrese benötigt hatte, brauchte Yalangto’sh Bahodir, der die Fertigstellung der Tillakori-Moschee nicht mehr erlebte, für die beiden Folgebauten schon 17 und 14 Jahre.
Von den beiden anderen Schulen eingerahmt, ist hier die Fassade breiter und nicht voll symmetrisch. Dass sie gleichzeitig als Freitagsmoschee diente, erkennt man auf der linken Seite an der blauen Kuppel. Das namensspendende Gold findet man im Innenraum der Moschee, die man vom Hof aus erreicht, im Überfluss. Gold ist der dominierende Farbton der auf allen Seiten glänzenden, blütenartigen Kundalornamente – ein fantastischer Anblick.
In den Seitenflügeln ist eine Ausstellung zur Geschichte des Registan und zu den Restaurierungsarbeiten zu besichtigen, die aber auch schon mit Souvenirhändlern durchsetzt ist.
Der Registan als Veranstaltungsort
Der Hauptplatz wird häufig für Veranstaltungen genutzt. Dann werden eine flache Bühne und leicht ansteigende Sitzreihen aufgebaut. Höhepunkt ist das alle zwei Jahre stattfindende internationale Folklorefestival Sharq Taronalari (Melodien des Orients).
Während der Touristensaison findet allabendlich nach Sonnenuntergang eine sehenswerte zwanzigminütige Lasershow statt, wobei die Fassade der Tillakori-Medrese zur Leinwand wird. Generell lohnt es sich, den Platz mehrfach zu unterschiedlichen Tageszeiten zu besuchen, um die verschiedenen Farbtöne und Stimmungen zu erleben.
Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer USBEKISTAN von Irina und Bodo Thöns.
USBEKISTAN
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16., aktualisierte Auflage 2026
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ISBN 978-3-89794-862-4
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