Georgien
Supra – das georgische Gastmahl

Die georgische Gastlichkeit äußert sich in reich gedeckten Tischen (© Volker Hagemann)
Die Supra ist weit mehr als ein gemeinsames Essen – sie ist eine kulturelle Institution. Während einer Supra wird gegessen, getrunken, gesungen, getanzt, vor allem aber geredet und zugehört. Sie ist Ausdruck gelebter Gemeinschaft.
Keine Supra ohne Anlass, Gastgeber, Gäste – und ohne einen Tamada. Anlässe gibt es viele: Geburtstage, Geburten, Hochzeiten, Begrüßungen, spontane Treffen, Beerdigungen. Je nach Anlass gelten eigene Regeln, deren Einhaltung dem Tamada obliegt. Der Tamada ist Tischmeister und Regisseur der Zusammenkunft. Er wird vom Gastgeber bestimmt und sitzt am Kopf des Tisches. Von dort aus achtet er darauf, dass alle Gäste einbezogen und respektvoll behandelt werden. Er bestimmt auch die Reihenfolge und den Ton der Trinksprüche.
Die Kunst des gelungenen Trinkspruchs
Wenn die Gäste eintreffen, ist die Tafel bereits mit Vorspeisen gedeckt. Nach und nach folgen die Hauptgerichte. Getrunken wird nur auf Aufforderung des Tamada – immer mit einem Trinkspruch. Die Abfolge beginnt meist mit einem Dank für das Vertrauen und guten Wünschen für einen harmonischen Abend. Der zweite Toast gilt der Familie, besonders der Gastgeberin. Der dritte dem Anlass. Mit dem vierten ehrt man die Verstorbenen – stehend. Dann folgen die Eltern: man wünscht ihnen Gesundheit und ein langes Leben oder erinnert sich ehrend an sie.
Anschließend beginnt der philosophische Teil: Man trinkt auf Heimat, Freundschaft, Liebe, Frieden, Frauen, Kinder, Vorfahren – je nach Zusammensetzung der Runde. Ein guter Tamada verbindet diese Themen klug und poetisch, meidet Plattitüden und Klischees. Er ist Künstler, Performer und hoch angesehen. Ein weiteres Thema für Trinksprüche sind die Anwesenden, ob allein oder in Gruppen, wenn es zu viele sind. Ihre Verdienste und positiven Eigenschaften stehen im Vordergrund. Es wird viel Lob gespendet. Nach dem Trinkspruch kann der Tamada einen Anwesenden auswählen, der das angesprochene Thema mit eigenen Worten fortspinnt. Dies wird »Alaverdi« genannt.
Spiegel georgischer Lebenskunst
Zwischen den Trinksprüchen wird gesungen und getanzt – mit Ausnahme von Trauertafeln. Zum Ende erhebt sich ein geschätztes Mitglied der Tafelrunde und dankt dem Tamada – das letzte Wort gebührt dann wieder diesem. Selbstbewusste Frauen haben sich in freundlicher Umgebung Gleichberechtigung als Tamada erworben, aber sie sind noch die Ausnahme – vor allem in den ländlichen Regionen, auch wenn Frauen, oft hinter den Kulissen, die Zügel in den Händen halten und Impulsgeberinnen sind.
In Swanetien beginnt man traditionell mit einem Trinkspruch auf Gott, dann auf den Erzengel Michael und den heiligen Georg – erst danach folgen weltliche Themen. Trotz vieler Trinksprüche ist Trunkenheit nicht Teil der Tradition. Wer sich betrinkt, war nicht auf einer Supra, sondern bei einem Gelage. Der Unterschied liegt im Ziel: Es geht um Gemeinschaft, nicht um Rausch. Eine echte Supra mit gutem Essen, gutem Wein und wohlwollenden Menschen ist ein Erlebnis – ein Spiegel georgischer Lebenskunst.
Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer GEORGIEN von Merab Lomia und Andreas Sternfeldt.
GEORGIEN
Tbilisi, Batumi, Kachetien, Kartli, Adscharien, Kolchis, Schwarzes Meer, Swanetien
13., aktualisierte und stark erweiterte AuflageAuflage 2026
520 Seiten
ISBN 978-3-89794-848-8
24,95 €
Im Trescher Verlag sind weitere Reiseführer zu Zielen im KAUKASUS erschienen.




