Grünes Band – Der Norden

Tour 33: Vom Priwall nach Boltenhagen

Steilküste von Boltenhagen
Blick zurück zum letzten Abschnitt des Weges – Steilküste von Boltenhagen (© Anne Haertel)

Heute wandern wir auf den letzten Kilometern des Fernwanderweges Grünes Band und beginnen dafür an der ehemaligen Grenze am Eingang von Priwall. Nach 26 Kilometern schwingt sich kurz vor Ende der Wanderung der Weg nochmal zu einem absoluten Wanderhöhepunkt auf: Mit freier Sicht übers Meer und in die Brutlöcher in den Hängen der Steilküste sowie mit einem grandiosen Blick auf Redewisch und das Ostseebad Boltenhagen schweben wir auf den letzten Metern unserer insgesamt fast 1400 Kilometer langen Wanderung von Bad Elster auf das Ziel zu.

Kurzcharakteristik: Ein Tag an der Ostsee und wir können am Strand oder auf der bewachsenen Düne laufen oder hin und her pendeln. Auf der Düne führte ehemals der Lochplattenweg entlang, der sich bis nach Steinbeck zog. Dieses DDR-Inlandsstück war zu Grenzzeiten schwer befestigt und gesichert. Der Strand war hingegen verwaist. Erinnert wird an geschleifte Orte und an das grausame Ende der KZ-Häftlinge aus Neuengamme auf See. Die bis zu zwanzig Meter hohe Steilküste, in deren offener Seite zahlreiche Tierarten ihre Kinderstuben haben, ist besonders reizvoll. Und am Ende wird der sagenhafte Blick über das Wasser, die Ostseeküste und auf Boltenhagen zum krönenden und würdigen Abschluss unserer Fernwanderung.

Länge/Gehzeit: 26 Kilometer, 6,5 Stunden

Wegebeschaffenheit: Wald- und Feldwege, asphaltierte Radwege und Nebenstraßen, Naturpfade 

Markierung: durchgängig Radwegeschilder 

Schwierigkeit: leicht, Trittsicherheit ist entlang der Steilküste wichtig

Wanderkarten: L2130 Lübeck (Landesamt für Vermessung und Geoinformation Schleswig-Holstein) + L1932 Kellenhusen, L2132 Grevesmühlen (Landesamt Mecklenburg-Vorpommern)

Einkauf: Supermarkt Priwall und diverse in Boltenhagen

Einkehr: in Rosenhagen, Groß Schwansee, Groß Steinbeck, Großklützhöved und Boltenhagen

Besondere Tourhinweise: Diese Tour führt oberhalb des Strandes längere Abschnitte auf dem asphaltierten Fahrradweg, was die Füße etwas ermüdend finden, so dass sich eine Abwechslung mit dem Strand anbietet. Bis Steinbeck kann der Weg problemlos mit dem Rad gefahren werden. Danach folgt man dann nach Boltenhagen dem ausgeschilderten Radweg, da die Wanderer den Pfad an der Steilküste nehmen, der für Räder nicht zu empfehlen ist.

Priwall – vom Weideland zum Badestrand

Der Priwall war mindestens bis 1880 reinstes Natur- und Weideland. Zwischen Mecklenburg und Lübeck gab es lange Zeit Streit, weil die Halbinsel durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 an Lübeck abgetreten werden musste. Der Streit dauerte bis ins Jahr 1928 an und wurde dann endgültig beendet. 1929 wurde auf Priwall der Reichsüberseeflughafen gebaut – seit 1914 gab es hier schon eine Flugzeugwerft –, den die Reichsluftwaffe ab 1935 zur Erprobung von Wasserflugzeugen und für militärische Zwecke nutzte. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen erklärte man die Halbinsel zum militärischen Sperrgebiet. 700 Zwangsarbeiter waren in drei Baracken auf dem Priwall und in Pötenitz untergebracht und dazu gezwungen, Teile für das Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw190, genannt »Würger«, zu bauen.

Nach 1945 trat dann am 3. Juli 1945 die festgelegte Demarkationslinie in Kraft. Die Ostzone behielt das Sperrgebiet bei bzw. weitete es aus. Die riesige militärische Anlage bei Pötenitz wurde von den Besatzern zerstört. Im Westen beherbergte die Halbinsel Ferienhäuser, Tagestouristen und einen beliebten FKK-Strand. Nachdem mehrmals unbedarfte westdeutsche Badetouristen auf den leeren ostdeutschen Strand geraten waren, zogen westdeutsche Polizisten eine rot-weiß-gestreifte Kette als Grenzmarkierung. Der DDR-Grenzzaun lag mit Absicht einen Kilometer weiter landeinwärts, wo er vom Westen nicht so gut einzusehen war. Auf der Insel gab es kaum Infrastruktur.

Am 3. Februar 1990 fand um 9 Uhr die erste Begegnung zwischen Travemünde und Pötenitz am Strand statt. Dann folgten am 12. April ein Übergang für Fußgänger und Radfahrer zwischen den Ländern und am 25. November 1993 eine asphaltierte Straße. Heute ist Priwall ein beliebter Ausflugsort, auf dem es inzwischen keine freien Grundstücke mehr, dafür aber einen Supermarkt gibt.

Am Strand des Ostseebads Boltenhagen
Am Ziel angekommen: Am Strand des Ostseebads Boltenhagen (© Anne Haertel)

Boltenhagen

Fritz Reuter, ein Freund Boltenhagens dichtete: »Wer mal sin Nerven will upfrischen, wer mal sin Sorgen möchte wegwischen, wer plägen will sinen Magen, die führt getrost nach Boltenhagen!« 1325 als Longa Indago erstmals erwähnt, hieß das kleine Fischerdorf schon kaum zehn Jahre später »Boltenhagen«. Der spätere Badeort startete 1803 mit einem ersten Badekarren, der von Kegel-Westphal von Hufe V am Strand aufgestellt wurde. Bald lockte der drei Kilometer lange steinfreie Sandstrand Massen an Sommerfrischlern. 1911 wurde die 300 Meter lange Seebrücke eingeweiht, die 1941/42 im Krieg zerstört und im Jahr 2000 wiederaufgebaut wurde. Schon 1929 erhielt der Ort seine nähere Bestimmung »Ostseebad« Boltenhagen.

1952 und dann nochmal 1953 enteignete die DDR-Regierung bei der »Aktion Rose« viele Pensions-, Gaststätten- und Hotelbesitzer. Auch später wurden die Saisonkräfte jährlich handverlesen nach Regimetreue und Sittlichkeit ausgesucht. Die Bevölkerung war dazu angehalten, misstrauisch zu sein und besondere Beobachtungen der Polizei zu melden. 174 Menschen wurden zwischen 1953 und 1989 Opfer der Seegrenze. Ein im Jahr 2000 aufgestellter Gedenkstein erinnert an die auf der Flucht gestorbenen DDR-Bürger.

Das Ostseebad Boltenhagen umfasst heute ca. 2600 Einwohner und bietet knapp 10 000 Ferienbetten an. Der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle. Vier »echte« Fischer leben und arbeiten im Ort. Sie fangen in der Ostsee zum Jahresanfang meistens Dorsch, im Frühjahr und Herbst Hering und im Sommer Flunder, Scholle, Steinbutt und andere Plattfische.

Cover Reiseführer Gründes Band – Der Norden

Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer GRÜNES BAND – DER NORDEN von Anne Haertel.

GRÜNES BAND – DER NORDEN

Auf dem Fernwanderweg entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze
33 Tagestouren
Von Walkenried ins Ostseebad Boltenhagen

2., aktualisierte Auflage 2022
208 Seiten
ISBN 978-3-89794-595-1
16,95 €

 

Im Trescher Verlag ist außerdem der Reiseführer GRÜNES BAND – DER SÜDEN erschienen sowie zahlreiche weitere Reiseführer zu Zielen in DEUTSCHLAND.

Menü