Rügen Hiddensee Stralsund

Die Bauten von Ulrich Mü­ther auf Rügen

Ehemalige Rettungsturm in Binz
Der ehemalige Rettungsturm in Binz, ein Werk Ulrich Müthers (© Wolfgang Kling)

Beim Strandspaziergang in Binz stößt man unverhofft in den Dünen – zwischen Fischbrötchenbude und dem ehrwürdigen Grand Hotel – auf ein seltsam anmutendes, futuristisch geformtes Gebilde, das einem gerade gelandeten unbekannten Flugobjekt ähnlich ist. Dieses und noch weitere große und kleine Bauwerke des Visionärs Ulrich Müther lassen sich auf Rügen entdecken.

Das Ufo am Strandzugang 6 ist ein kleines, filigranes Bauwerk mit auffallend breiten Fensterfronten, die wie vier große Kulleraugen wirken. Der Entwurf entstand 1968, die Pläne zeichnete der Rügener Bauingenieur Ulrich Müther (1934–2007), der sich gerne als „Landbaumeister von Rügen“ bezeichnete. Der architektonische Solitär war damals der Rettungsturm der Binzer Strandaufsicht. Nach der politischen Wende vergammelte das eindrucksvolle Kunstwerk, so dass es Müther selbst 2004 auf eigene Kosten restaurieren ließ. Die Binzer Baywatch hat mittlerweile längst ein neues Domizil bezogen, und das einsame Ufo in den Dünen am Strand dient inzwischen als Trauzimmer mit Meerblick.

Müther schuf ab 1963 in der DDR mehr als 50 öffentliche Gebäude mit ungewöhnlichen Formen und Funktionen. Der Bauingenieur war im Land der seelenlosen, streng rechtwinkligen Plattenbauten und den Einheitsfassaden für den kreativen Schwung zuständig. Zu DDR-Zeiten wurden seine Bauwerke offiziell daher auch als „Sonderbauten“ geführt. Markenzeichen seines Schaffens waren seine expressiven, doppelt gekrümmten Hyparschalen. Sie bestehen aus nur wenige Zentimeter dünnem Beton und sind sehr leicht. Daher ermöglichen sie architektonisch äußerst kühne und auch stützenlose Dachkonstruktionen.

Ostseeperle in Globe, Rügen
Die "Ostseeperle" in Glowe konnte 1997 vor dem Abriss bewahrt werden (© Wolfgang Kling)

Der Natur abgeschaut

Als Vorbild für seine eigenwilligen Arbeiten diente Müther die Natur. Vor allem Muscheln mit ihren dünnen, doch enorm belastbaren Schalen inspirierten den Küstenmenschen Müther schon früh. Auch erinnern seine schwebenden Konstruktionen oft stark an geblähte Segel im Wind. Seine Formensprache ist eindeutig von der Ostsee geprägt. In erster Linie die manchmal fast abenteuerlich erscheinenden, schmetterlingsleichten Dachkonstruktionen machten den gebürtigen Binzer international berühmt. Müther baute in Kuwait und Kolumbien, in Finnland und Jordanien, aber auch in Westdeutschland, etwa in Wolfsburg. Dort plante er die einzigartige Kuppel für das Zeiss-Planetarium, wofür die DDR 10 000 VW Golf als Gegenwert bekommen haben soll.

Auf Rügen gibt es noch weitere Schalentragwerke von Ulrich Müther, darunter die mittlerweile aufwändig sanierte ehemalige Milchbar „Inselparadies“ in Baabe und die Gaststätte „Ostseeperle“ in Glowe. Ebenso stammen von ihm die Musikmuschel am Sassnitzer Kurplatz, die Buswartehalle am Binzer Kreisverkehr (Proraer Chaussee) sowie die Bushaltestelle in Buschvitz, von den Anwohnern „Taucherhelm“ genannt, sowie die asymmetrische Schwimmbaddecke im Cliff Hotel von Sellin aus dem Jahr 1977.

Nach der Wende fiel die Karrierekurve des Schalenbetonmeisters jäh ab. Nun, unter neuen Produktionsverhältnissen, war die arbeitsintensive, wenn auch materialsparende Bauweise einfach zu teuer. Viele Werke Müthers waren nun dem Verfall preisgegeben oder wurden gar abgerissen, etwa im Jahr 2000 das baulich völlig intakte und wunderschöne „Ahornblatt“, die ehemalige Großkantine des DDR-Bauministeriums auf der Berliner Fischerinsel.

Cover Reiseführer Rügen, Hiddensee, Stralsund

Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer RÜGEN HIDDENSEE STRALSUND von Grażyna und Wolfgang Kling.

RÜGEN HIDDENSEE STRALSUND

Mit zahlreichen Hinweisen für Aktivurlauber

2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2022
220 Seiten
ISBN 978-3-89794-598-2
12,95 €

 

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