Südkorea

Kleiner Namens-Knigge

Seoul, Dongdaemun-Markt
Auf dem Dongdaemun-Markt in Seoul (© Klaus A. Dietsch)

In Südkorea dominieren heute einige wenige Familiennamen. Sie werden dem Vornamen grundsätzlich vorangestellt, was – wie im übrigen asiatischen Raum auch – den Vorrang der Familie gegenüber dem Individuum widerspiegelt. Der Gebrauch des Vornamens ist in der Öffentlichkeit zudem tabu. Diese und weitere Gepflogenheiten gestatten einen interessanten Einblick in die Gesellschaft Südkoreas.

Im alten Korea war es eine Auszeichnung, einen Namen zu haben. Er wies auf die soziale Stellung hin und machte deutlich, dass der Namensträger zur Oberschicht gehört. Heute gibt es ungefähr 250 verschiedene Familiennamen; dennoch überwiegen bei weitem die früher als vornehm erachteten – das waren Kim, Li (Rhee, Yi) und Pak (Park). Jeder fünfte Koreaner hört auf den Namen Kim, jeder sechste auf Li, jeder zwölfte auf Park. Auch der Familienname Choi ist sehr häufig. Mehr als 50 Prozent der Koreaner tragen einen dieser vier Familiennamen. Es gibt noch 15 andere, sehr geläufige Familiennamen wie Chung, Cho, Han, Kang, Lim, Sin, Song. Mit diesen 19 Namen kommen gut 80 Prozent der Bevölkerung aus. Der Rest führt die übrigen 230 Familiennamen.

Bei den Koreanern gilt wie bei den Chinesen: Zuerst steht der Familienname, dann folgt der persönliche Vorname, der meist aus zwei Zeichen besteht. Diese Reihenfolge hat bei den Asiaten ihren Sinn, denn nicht das Individuum zählt, sondern die Familie, die gegenwärtige und die Reihe der Ahnen. Der persönliche Name – so glaubt man – bestimmt das Schicksal des Trägers. Deshalb werden nur glückverheißende Namen gewählt. Mädchen hören meist auf Namen, die Tugenden anklingen lassen, wie zum Beispiel »Tugendsame Blume«, »Kristallklare Wahrheit« oder »Jade-Schönheit«. Jungen bekommen in aller Regel Namen, die langes Leben, Erfolg oder Wohlstand beschwören – beispielsweise »der Langlebige« oder »Strahlender Held«. Früher war es in den »besseren Kreisen« üblich, heranwachsenden Jungen zum Zeichen ihrer Mannbarkeit einen »Hut-Namen« zu verleihen. Zu diesem Begriff kam es so: Um den Eintritt ins Mannesalter auch äußerlich zu dokumentieren, knüpften die Jugendlichen das Haar in einem Knoten auf dem Kopf. Darüber stülpten sie einen aus Rosshaar feinst geflochtenen Hut. Diese Hutzeremonie kündigte an, dass man nun mannbar war. Zu diesem Zeitpunkt legten die Heranwachsenden ihren bisherigen Vornamen ab und ließen sich einen neuen geben, der die gesellschaftliche Stellung, die Position in der Familie und den Grad der Blutsverwandtschaft kundtat. Wenn beispielsweise der Name des Vaters – laut den chinesischen fünf Elementen – vom Zeichen Erde abgeleitet war, so lautete der des Sohnes auf Metall, der des Enkels auf Wasser, der des Urenkels auf Holz und der des Ururenkels auf Feuer.

Frauen ändern nach der Heirat ihren Namen nicht. Eine Tochter der Familie Kim, die einen Sohn der Sippe Choi ehelicht, bleibt eine Kim. Am Namen lässt sich also nicht ablesen, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht.

Die Bezeichnungen für Frau oder Herr lauten im Koreanischen gleich: »Ssi«. Sie werden dem Namen hintangestellt. Ein Koreaner untersteht sich jedoch niemals, jemanden als Frau Kim oder Herr Choi, also Kim-ssi oder Choi-ssi, anzusprechen. Das »Ssi« wird nur bei Erwähnung des Namens gegenüber Dritten benutzt, dann aber bei jeder Person, ob alt oder jung, reich oder arm – jeder hat Anspruch auf das würdige Ssi.

Und jeder hat das Recht, korrekt angesprochen zu werden, also nicht mit seinem Namen, schon gar nicht mit seinem Vornamen. Diese europäisch-amerikanische Sitte gilt in Fernost als barbarisch. Man weicht auf allgemeine Bezeichnungen, die ehrenvoll klingen, aus. Ältere werden oft mit »Seonsaeng« angesprochen; das bedeutet »Lehrer«, denn ein Lehrer, ein Meister, galt in der konfuzianischen Tradition immer als etwas Besonderes. Sogar in der Familie vermeidet man – wenn möglich – den persönlichen Namen. In aller Öffentlichkeit ist er sowieso tabu. Da redet eine Mutter ihre Tochter nur mit »Tochter« oder »Kind« an. Auf diese Weise wird – ganz im Sinne des Konfuzianismus – stets die familiäre Rangordnung hervorgehoben.

Dieser Textauszug stammt aus dem Trescher-Reiseführer SÜDKOREA von Klaus A. Dietsch.

SÜDKOREA

Mit Seoul, Gyeongju, Busan und Insel Jeju

4., aktualisierte und erweiterte Auflage 2019
456 Seiten
ISBN 978-3-89794-468-8
19,95 €

 

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